Strand am Berg

Welche Erzählung und welche Dokumentationsform werden einem Projekt gerecht, dessen wesentliches Merkmal die konstante Veränderung ist? Sie verunmöglicht es, einen alleingültigen Überblick aufzuzeigen, eine repräsentative Karte zu zeichnen oder eine Chronik zu verfassen. Vielmehr sind einzelne Geschichten, individuelle Statements und subjektive Bilder wie Facetten, die ihren jeweiligen Teil zum Gesamtbild beitragen. Sie funktionieren exemplarisch, also nicht herausragend, sondern wie zufällig ausgewählt, an die Oberfläche getragen oder eben an den Strand gespült. Das Gesamtbild, die Heitere Fahne – ist sie ein Ort, ein Haus, eine gemeinsame Idee? Die während drei Jahren entstandenen Bilder abseits des unmittelbaren Geschehens und die kurzen zu Papier gebrachten Gedanken der Beteiligten offenbaren Vision und Desillusion, Utopie und Realität, Freude und Verzweiflung dieses intensiven Versuchs, einen kollektiven Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Das Gasthaus, der Ursprungsort der lokalen Bierbraukunst und später Stammlokal der ehemaligen Gurtenbrauerei in Wabern bei Bern, wurde zum Symbol und zur Projektionsfläche für das Experiment eines gemeinschaftlichen Kulturorts. Bild und Text sind gleichermassen Momentaufnahmen, Stimmungsbilder mit unterschiedlicher Belichtungszeit, Tiefenschärfe, Fokus und Ausschnitt. Es sind Spuren, persönliche, subjektive Verweise auf das Ganze, die keinerlei Interpretation bedürfen, sondern als Fragment auf die Vielschichtigkeit solcher partizipativer Unterfangen hinweisen.

What forms of narrative and documentation can do justice to a project characterized by constant change? It is impossible to survey the whole, draw a representative map or establish a universal chronology. Instead, individual stories, personal statements and subjective images are like multiple facets contributing their part to the bigger picture. Their function is exemplary rather than special – appearing as if selected by chance, dredged to the surface or washed upon the shore. What about the bigger picture they evoke, the Heitere Fahne – is it a place, a location, a building, or a shared idea? The images were taken over a period of three years, on the margins of the main action. The participants’ thoughts, recorded as short written notes, reveal vision and delusion, utopia and reality, utopia and reality, pleasure and despair of this intensive experiment to turn a collective dream into reality. The guest house in Wabern near Bern – origin of local craft beer and later a pub attached to the former “Gurten-Brewery” – became a potent symbol of an experiment dedicated to a collective site for culture. The images and texts act like snapshots: atmospheric impressions with distinct shutter speeds, depths of focus and angles. They are traces; personal and subjective references to a whole, not requiring any interpretation. As fragments, they suggest the diversity and complexity of such a participatory undertaking.

Idea and concept:
Ruben Wyttenbach, Melanie Brandel, Rahel Bucher

Photography:
Ruben Wyttenbach

Lyrics:
Rahel Bucher

Text:
The Autors

Art Direction:
Kornhaus Atelier, Stephan Nopper

Design:
Melanie Brandel

Limited Edition:
400 copies, Sturm&Drang Publishers

© for photographs, Ruben Wyttenbach, Zürich 2017
© for text and lyrics, the autors, Zürich 2017
© for this edition, Sturm&Drang Publishers, Zürich 2017

148 colored photographs
42 texts
3 lyrics

Die Heiterefahne

Order book

Diesen Moment jetzt
nie festhalten
ein Sturm aus dem Paradies
fegt uns unweigerlich
in die Zukunft

Angezogen bin ich. Könnte es mich quälen? Es schimmert am Horizont, eindrücklich strahlend. Ich schleiche mich heran...Werde ich ersticken oder gar erblinden? Ich fühle mich winzig. Nun bin ich gewachsen, um circa 10 Zentimeter – es scheint, als sei ich dem Gegenüber ebenbürtig – doch bleibt es in mir stürmisch: Verwirrte Fäden, die leuchten und blinken, sich zu lauter undeutlichen Zeichen anordnen und mich ratlos fühlen lassen. Ist der Sinn nicht, sich mitzuteilen – zu teilen? Inspiration kann nur durch Öffnen der Pforten geschehen. Soll ich es einhauchen? Bis tief in jeden Winkel meiner Lungen... Ich kann es ja wieder ausatmen, falls. Genug des Schwankens, mutig will ich sein! Aufrichtig schreite ich näher, das zweifelnde Gefühl wird in meiner Magensäure möglichst aufgelöst. ...

Projekt. Was ist ein Projekt und was ist der Unterschied zur Freiwilligenarbeit? Was bewegt einen dazu, so etwas auf die Beine zu stellen, mitzuwirken, Emotionen zu zeigen, Gefühle zu unterdrücken, Glücksgefühle zu bekommen, zu wursteln, anzupacken, zu weinen? Für was? Ist es das Ego, sind es Träume oder sind es die Menschen, die einen zur Weissglut bringen? Gehört man dazu oder will man dazugehören? Ist es eine Verwirklichung von sich selbst oder lässt man sich verwirklichen? Soll man daran glauben oder soll man alles stehen lassen? Wer sagt einem, dass es gut ist, und wer darf dir das sagen? Brauchst du so etwas, damit du anerkannt wirst in der Gesellschaft? ...

... Stattdessen Stillstand, Blockade, Ohnmacht, Geduld wird zu Frustration, Freude zu Beklemmung, Geschwindigkeit zu Ersticken – paralysiert in einer Ohnmacht, die uns sonst so fern ist. Plötzlich brennt es überall, dreht sich alles bis zur Erschöpfung. Erlösung stellt sich durch lokale und momentane Betäubung ein. Alles ist von Misstrauen, Enttäuschung, Nicht-Wahrgenommen-Werden dominiert – versinkt in Polemik, in einem Entweder-Oder. Wo sind alle die Farben – was ist mit der Vielfalt und der Freude an Optionen passiert? Es scheint verlockend, ja sogar befreiend, in polarisierenden, einschränkenden Bipolaritäten zu denken. ...

... Wie also kann etwas Strukturloses Struktur schaffen? Vielleicht ist eine Struktur an sich weniger notwendig als ein Ziel vor sich zu haben und dafür zu arbeiten. In der Heiteren Fahne setzen sich alle für eine gemeinsame Idee ein. Dieses Streben kann mehr Halt im Leben geben als ein strukturierter Alltag. Ohne Ziel kann man sich gestrandet fühlen. Die Heitere Fahne ist ein gemütlicher Strand, an dem man lange verweilen kann und sich mit fundamentalen Lebensfragen vorerst nicht zwingend auseinandersetzen muss. So scheint es mir, gibt es viele, wie auch ich, die in der Heiteren einen Ort gefunden haben zum Verweilen. Paradox eigentlich, denn die Heitere Fahne ist zugleich auch ein Ort, welcher genau mit diesen Fragen in stetiger Konfrontation steht. Das Projekt ist nicht zuletzt ein Versuch, gesellschaftliche und freundschaftliche Normen sowie den Umgang mit Mitmenschen neu zu gestalten und somit Antworten auf fundamentale Fragen zu finden. ...

in dir ruht
der Ideensturm
im Unperfekten

What forms of narrative and documentation can do justice to a project characterized by constant change? It is impossible to survey the whole, draw a representative map or establish a universal chronology. Instead, individual stories, personal statements and subjective images are like multiple facets contributing their part to the bigger picture. Their function is exemplary rather than special – appearing as if selected by chance, dredged to the surface or washed upon the shore. What about the bigger picture they evoke, the Heitere Fahne – is it a place, a location, a building, or a shared idea? The images were taken over a period of three years, on the margins of the main action. The participants’ thoughts, recorded as short written notes, reveal vision and delusion, utopia and reality, utopia and reality, pleasure and despair of this intensive experiment to turn a collective dream into reality. The guest house in Wabern near Bern – origin of local craft beer and later a pub attached to the former “Gurten-Brewery” – became a potent symbol of an experiment dedicated to a collective site for culture. The images and texts act like snapshots: atmospheric impressions with distinct shutter speeds, depths of focus and angles. They are traces; personal and subjective references to a whole, not requiring any interpretation. As fragments, they suggest the diversity and complexity of such a participatory undertaking.

Idea and concept:
Ruben Wyttenbach, Melanie Brandel, Rahel Bucher

Photography:
Ruben Wyttenbach

Lyrics:
Rahel Bucher

Text:
The Autors

Art Direction:
Kornhaus Atelier, Stephan Nopper

Design:
Melanie Brandel

Limited Edition:
400 copies, Sturm&Drang Publishers

© for photographs, Ruben Wyttenbach, Zürich 2017
© for text and lyrics, the autors, Zürich 2017
© for this edition, Sturm&Drang Publishers, Zürich 2017

148 colored photographs
42 texts
3 lyrics

Die Heiterefahne

Order book

Diesen Moment jetzt
nie festhalten
ein Sturm aus dem Paradies
fegt uns unweigerlich
in die Zukunft

Angezogen bin ich. Könnte es mich quälen? Es schimmert am Horizont, eindrücklich strahlend. Ich schleiche mich heran...Werde ich ersticken oder gar erblinden? Ich fühle mich winzig. Nun bin ich gewachsen, um circa 10 Zentimeter – es scheint, als sei ich dem Gegenüber ebenbürtig – doch bleibt es in mir stürmisch: Verwirrte Fäden, die leuchten und blinken, sich zu lauter undeutlichen Zeichen anordnen und mich ratlos fühlen lassen. Ist der Sinn nicht, sich mitzuteilen – zu teilen? Inspiration kann nur durch Öffnen der Pforten geschehen. Soll ich es einhauchen? Bis tief in jeden Winkel meiner Lungen... Ich kann es ja wieder ausatmen, falls. Genug des Schwankens, mutig will ich sein! Aufrichtig schreite ich näher, das zweifelnde Gefühl wird in meiner Magensäure möglichst aufgelöst. ...

Projekt. Was ist ein Projekt und was ist der Unterschied zur Freiwilligenarbeit? Was bewegt einen dazu, so etwas auf die Beine zu stellen, mitzuwirken, Emotionen zu zeigen, Gefühle zu unterdrücken, Glücksgefühle zu bekommen, zu wursteln, anzupacken, zu weinen? Für was? Ist es das Ego, sind es Träume oder sind es die Menschen, die einen zur Weissglut bringen? Gehört man dazu oder will man dazugehören? Ist es eine Verwirklichung von sich selbst oder lässt man sich verwirklichen? Soll man daran glauben oder soll man alles stehen lassen? Wer sagt einem, dass es gut ist, und wer darf dir das sagen? Brauchst du so etwas, damit du anerkannt wirst in der Gesellschaft? ...

... Stattdessen Stillstand, Blockade, Ohnmacht, Geduld wird zu Frustration, Freude zu Beklemmung, Geschwindigkeit zu Ersticken – paralysiert in einer Ohnmacht, die uns sonst so fern ist. Plötzlich brennt es überall, dreht sich alles bis zur Erschöpfung. Erlösung stellt sich durch lokale und momentane Betäubung ein. Alles ist von Misstrauen, Enttäuschung, Nicht-Wahrgenommen-Werden dominiert – versinkt in Polemik, in einem Entweder-Oder. Wo sind alle die Farben – was ist mit der Vielfalt und der Freude an Optionen passiert? Es scheint verlockend, ja sogar befreiend, in polarisierenden, einschränkenden Bipolaritäten zu denken. ...

... Wie also kann etwas Strukturloses Struktur schaffen? Vielleicht ist eine Struktur an sich weniger notwendig als ein Ziel vor sich zu haben und dafür zu arbeiten. In der Heiteren Fahne setzen sich alle für eine gemeinsame Idee ein. Dieses Streben kann mehr Halt im Leben geben als ein strukturierter Alltag. Ohne Ziel kann man sich gestrandet fühlen. Die Heitere Fahne ist ein gemütlicher Strand, an dem man lange verweilen kann und sich mit fundamentalen Lebensfragen vorerst nicht zwingend auseinandersetzen muss. So scheint es mir, gibt es viele, wie auch ich, die in der Heiteren einen Ort gefunden haben zum Verweilen. Paradox eigentlich, denn die Heitere Fahne ist zugleich auch ein Ort, welcher genau mit diesen Fragen in stetiger Konfrontation steht. Das Projekt ist nicht zuletzt ein Versuch, gesellschaftliche und freundschaftliche Normen sowie den Umgang mit Mitmenschen neu zu gestalten und somit Antworten auf fundamentale Fragen zu finden. ...

in dir ruht
der Ideensturm
im Unperfekten